Warum verdummen Schüler durch die Ferien?

Endlich Ferien! Viele Schüler rufen das aus vollem Herzen und manche zählen die Tage bis zum Beginn der nächsten Ferien. Und dennoch gelten zu lange Ferien als Ursache dafür, dass die Schüler schlechter in der Schule werden. Das gilt zumindest für die USA, wahrscheinlich aber auch für Deutschland.

In den USA haben die Schüler sehr lange Sommerferien, nämlich vom Memorial Day, dem letzten Montag im Mai, bis zum Labor Day, dem ersten Montag im September. Im Vergleich zum Rest der Industrieländer haben die amerikanischen Schüler damit einen Monat mehr Ferien. Diese langen Sommerferien stammen aus den Zeiten, als die USA und auch der Rest der Welt noch ein Agrarland waren: Da mussten die Kinder bei der Ernte helfen und konnten deshalb nicht in die Schule gehen.

Da drei Monate Ferien dann doch sehr lang sind, hat sich eine richtige Industrie angesiedelt, um die Schüler in dieser Zeit zu beschäftigen. Dazu gehören sogenannte summer camps, die allerdings recht teuer sind. Daher können sich diese nur gut betuchte Amerikaner leisten. Die Kinder wohlhabender Eltern lernen in den summer camps z.B. Sprachen, Sportarten und Musikinstrumente oder lernen durch Reisen mit ihren Eltern ihr Land kennen.

Community Pools öffnen nur für die Sommerzeit, Vergnügungsparks haben hier Hochsaison. Weil die wirtschaftliche Bedeutung der langen Sommerferien enorm ist, verhindert in Virginia ein Gesetz, das Kings Dominion Law, das nach einem Vergnügungspark benannt ist, dass Kinder früher im August in die Schule gehen dürfen.

Die Auswirkungen auf das Lernen der Schüler sind dann doch erheblich und unterscheiden sich auch danach, ob sich Eltern zusätzliche Bildungsangebote für ihre Kinder im Sommer leisten können oder nicht. Über den Sommer hinweg verschwindet ein Monat Schulmathematik, zugleich verlieren Schüler aus bildungsfernen Schichten verglichen mit Schülern bildungsinteressierter Eltern bis zu drei Monate Lesefähigkeit. Die John-Hopkings-Universität hat dazu Daten aus zwanzig Jahren ausgewertet und konnte feststellen, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten bis zum Ende ihrer Schulzeit um das Wissen aus drei Klassen zurückfallen. Damit sorgen die Sommerferien dafür, dass Kinder aus der Unterschicht auch sicher in der Unterschicht bleiben.

Der Lernverlust durch die Ferien ist aber nicht nur in den USA von Belang. Nach dem niederländischen Bildungswissenschaftlicher John Hattie haben die Ferien den größten negativen Einfluss auf das Lernen überhaupt.

In Deutschland gab es im 19. Jhd. sehr viel weniger Ferien als heute. Nach einer Verfügung aus Preußen aus dem Jahr 1811 waren das je eine Woche um Weihnachten, Ostern, Pfingsten sowie um Michaeli im Oktober und zwei Wochen an den „Hundstagen“ im Sommer. Das Problem, dass die Ferien zu lang sein könnten und sich negative Auswirkungen auf das Lernen ergeben könnten, sah man aber bereits damals. Denn in der Verfügung von 1811 hieß es zugleich, die Schulleiter sollten den Schülern vor allem der unteren Schichten für die langen Sommerferien zweckmäßige aber nicht übertriebene Hausaufgaben geben. Dennoch 1833 wurden die Sommerferien in Preußen auf drei Wochen und die Herbstferien auf zwei Wochen festgesetzt. Mit dem Hamburger Abkommen von 1964 wurden die Ferien einheitlich in Deutschland auf insgesamt 75 Tage einschließlich 12 Samstagen festgelegt.

In Europa gibt es nur wenige Untersuchungen zum Ferieneffekt. Die Ergebnisse aus den USA, dass die Sommerferien negative Auswirkungen auf die Mathematikkenntnisse und das Leseverständnis haben, konnten durch Untersuchungen für Schweden und Belgien bestätigt werden. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung 2004 konnte einen Ferieneffekt für Grundschüler nicht bestätigen. Ein Forschungsprojekt der Uni Siegen konnte aber ähnlich wie in den USA schichtspezifische Auswirkungen von Ferien festhalten. Andere Untersuchungen kommen zu Verlusten für das Fach Mathematik. Auch wenn immer wieder davon berichten, die großen Ferien wirkten wie ein Schwamm im Gehirn der Kinder, sind die Forschungsergebnisse hierzu noch uneineinheitlich.

Zentral ist wohl vor allem, ob man in den Ferien etwas tut oder nur faulenzt. Die Untersuchung des Erlanger Gedächtnisforschers Lehr konnte zeigen, dass drei Wochen Nichtstun den IQ um 20 Punkte sinken ließ. Daher sollten gerade Abiturienten vor den Prüfungen keine größeren Ferien zum Faulenzen ansetzen.

Führt man den Gedankengang der negativen Auswirkungen der Ferien weiter, so gelten die auftretenden Lücken in Mathematik und im Textverständnis natürlich auch für die Zeit nach dem Abitur vor Aufnahme eines Studiums oder einer Ausbildung. Da hier die freie Zeit vier Monate sein kann, dürften hier die negativen Auswirkungen noch größer sein. Vor allem in Studiengängen, wo viel Mathematik verlangt wird, dürften die Anpassungsprobleme für die Studienanfänger besonders groß sein.

 

Links:

http://www.welt.de/politik/ausland/article9064829/Lange-Ferien-lassen-Schulkinder-verdummen.html

http://books.google.de/books?id=5Y28I3IDCuEC&pg=PA255&lpg=PA255&dq=ferien+lernverlust&source=bl&ots=701bG9a3Qu&sig=1x8jXdWW-WLRmy7UMdIlG-wjuA4&hl=de&ei=GRmPTo_fEoOG0AWC-s0U&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=8&ved=0CEcQ6AEwBw#v=onepage&q&f=false

 

http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2004/03/ferien-mit-der-deutschen-sprache

 

http://www.springerlink.com/content/q3l7825868332r04/

http://www.ipn.uni-kiel.de/aktuell/ipnblatt/ip212/index.html

 

John Hattie, Visible Learning 2009

 

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