Warum gibt es an der Schule Stunden mit 45 Minuten?

Fast jeder, der die Schule durchlaufen hat, kennt den inneren Rhythmus der Schule: 45 Minuten jeweils abgegrenzt durch einen Gong. Doch warum gerade 45 Minuten?  Es gingen schließlich auch 30 Minuten oder 50 Minuten oder 60 Minuten. Nun nachdem das achtjährige Gymnasium fast in allen Ländern eingeführt wurde, fängt zumindest das Nachdenken über diese die Schule nahezu konstituierende Einrichtung des 45-Minuten-Takts an.

Manche halten den 45- Minuten-Takt fast für einen Biorhythmus oder orientiert an der Fassungskapazität der Blase von Kindern und Lehrern. Doch seltsamerweise verliert sich dieser Biorhythmus immer dann, wenn die Beteiligten die Schule verlassen. Gerade noch in den Hochschulen findet sich ein Rhythmus von 45 Minuten, meist aber 90 Minuten.

Eingeführt wurde der 45-Minuten-Takt an den Gymnasien in Preußen 1911. Dort wurde die bisher vorherrschende 60-Minuten-Stunde auf 45 Minuten gekürzt und damit der Nachmittagsunterricht beseitigt. Der Nachmittagsunterricht galt als wenig effektiv, da die Schüler nicht richtig aufpassten. Die 45 Minuten dienten somit dazu, dass sich die Schüler besser konzentrieren konnten und bis 1920 zogen die übrigen Schulen nach. Die 45 Minuten orientierten sich dabei an den Regelungen in den Hochschulen, wo es ja auch ein akademische Viertel gab und eine Vorlesungsstunde faktisch auch nur 45 Minuten dauert. Da wollten die Gymnasialprofessoren gegenüber den Hochschulprofessorten natürlich nicht zurückstehen. Zugleich konnten so mehr Schüler eine höhere Schule besuchen, ohne in ein Internat in der Stadt gehen zu müssen. Dennoch gab es dann zwei Jahrzehnte Proteste der Gymnasialprofessoren gegen diese Verkürzung des Lernens. Die Schüler würden zu einer unnötigen Hast erzogen und zu militärischer Pünktlichkeit dressiert. Was man nicht kennt, löst nun einmal zwangsläufig Proteste aus. Der Biorhythmus, den die Gymnasiallehrer 1911 kannten, war nun einfach der 60-Minuten-Takt.

Heute löst sich der 45-Minuten-Takt vor allem deswegen auf, weil das achtjährige Gymnasium wieder den Nachmittagsunterricht eingeführt. Nun mögen sechs Stunden Frontalunterricht noch erträglich sein, acht Stunden sind dann schon sehr heftig. Auch sind die Schüler heute am Nachmittag kaum motivierter als in der Zeit vor 1911.

In den Schulordnungen der deutschen Bundesländer ist meist noch der 45-Minuten-Rhythmus festgeschrieben, faktisch haben die meisten Schulen aber einen Ermessensspielraum, so dass eine Schulstunde auch 50, 60 oder 70 Minuten dauern kann. Natürlich gibt es auch Länder, die das den Schule nicht freistellen, sondern das von oben regeln, wo es nur die Alternative 45 oder 90 Minuten gibt.

Was nun besser ist und wie sich was auswirkt, das weiß keiner so genau. Natürlich gibt es zu allem Studien, doch sagen diese wenig aus. Wikipedia meint, dass immer mehr Schulen zu 90-Minuten-Einheiten wechseln würden. Studien hätten nachgewiesen, wonach der Lernzuwachs in Doppelstunden mehr als verdoppelt wird. Zugleich sei die Zahl der Schulunfälle um  80% zurückgegangen.

Das gute ist, dass sich das, was seit 100 Jahren eingeführt ist, nicht rechtfertigen muss und keine Studien vorweisen muss, warum es besser ist. Rechtfertigen und Studien vorweisen muss immer das, was anders werden soll.

Dabei ist für die deutsche Diskussion wieder einmal typisch, dass man allein auf Deutschland schaut, als ob andere Länder kein Schulsystem und keine Schulstunden hätten. In Großbritannien ist den Schulen die Dauer der einzelnen Lektionen freigestellt.

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